Ausstieg aus der Atomkraft: Handeln hier und jetzt.

Christa Mutter, Grüne: Redetext Kundgebung vom 26.4.2011, Ratshausplatz Freiburg

25 Jahre nach Tschernobyl und 46 Tage nach Fukushima stellen sich uns zwei Fragen: Ausstieg aus der Atomenergie WARUM und WIE ?

Das Warum ist für jene drei Viertel der Schweizer Bevölkerung, die keinen neuen AKWs und mittelfristig den Ausstieg wollen, offensichtlich klar:
Die Atomenergie ist zu gefährlich, die Risiken sind nicht abschätzbar und nicht verantwortbar, die Folgen jedes Unfalls bringen unbeschreibliches Leid.

Der Jahrestag von Tschernobyl führt uns vor Augen, dass ein AKW-Unfall ungeahnte soziale und menschliche Tragödien auslöst.
Wir wissen heute: die russischen Behörden taten, was sie konnten, waren aber in den ersten Tagen und Wochen derart überfordert, dass sie Zehntausende in Tod und Krankheit schickten.
Und wir wissen, dass der allergrösste Teil der 850'000 Liquidatoren erkrankt ist, weit über 100'000 schon gestorben sind, dass die verstrahlte Bevölkerung ihre Heimat und ihre Gesundheit verloren hat und um die Zukunft ihrer Kinder und Enkel bangen muss. Wir werden nie wissen, wieviel Leid dieses Unglück wirklich gebracht hat.

Ebenso schlimm traf und trifft es die Hunderttausende von Menschen im russischen Mayak nach der vertuschten Katastrophe von 1957.

Fukushima zeigt uns, das auch im Musterland Japan die gleichen Mechanismen ablaufen: Die Betreiber und die Kontrolleure sind verbandelt, die grossen Fehler geschehen vor dem Unglück – die Wahrheit wird vertuscht, die Bevölkerung belogen. In der Ukraine wurden Soldaten abkommandiert, in Japan heuert Tepco gesellschaftliche Aussenseiter als Liquidatoren an.
Was ist das für eine Technologie, die Menschenopfer fordert und ganze Regionen jahrzehntelang unbewohnbar macht?

Sagen wir nicht: hier würde es anders ablaufen.
Auch das Musterland Schweiz reagiert gleich, wie wir als Beschwerdeführende gegen die Betriebsbewilligung für das AKW Mühleberg direkt erleben.
Wir wurden vom Bundesverwaltungsgericht unter Androhung einer Geldbusse verpflichtet, Sicherheitsinformationen zu Mühleberg geheimzuhalten, um Geschäftsgeheimnisse des Lieferanten General Electric zu schützen.

Da unser Rekurs inzwischen ohne unser Zutun veröffentlicht wurde, wissen es jetzt alle: die Schweizer Kontrollstelle ENSI hat nicht dafür gesorgt, dass die Betreiberin BKW die Schwachstellen des Reaktors behebt. Im Kernmantel des Reaktors wachsen die Risse, und das Flickwerk kann im Störfall offenbar selbst zur Gefahr werden.


Aber in Freiburg, hier auf der 20-Kilometermarke von Mühleberg, sind diese Fakten nicht ins Bewusstsein der Behörden gedrungen.
27 Grossrätinnen und Grossräte haben im März einen Antrag eingereicht, damit auch der Staatsrat fordert: Mühleberg abschalten.
Nur ein einziger der kontaktierten bürgerlichen Grossräte hatte sich überhaupt mit der Materie befasst. Alle anderen fanden das zu kompliziert, oder dann unnötig.

Auch die Regierung wartet tatenlos ab.
Es braucht die Stimme der Bevölkerung, um die Behörden aus ihrer Lethargie zu wecken.


Wir fordern: die Freiburger Bevölkerung darf nicht länger dem akuten Risiko eines Reaktors ausgesetzt werden, der baugleich mit dem Fukushima 1 Reaktor ist, aber schlechter geflickt.


Aber WIE aussteigen?

Und das ist die gute Nachricht: der Ausstieg ist möglich.
Unsere Botschaft ist nicht die Angst vor dem GAU –
unsere Botschaft ist : es geht ohne die 5 AKWs, wir zeigen gerne, wie!

Mühleberg kann morgen vom Netz gehen, die beiden Beznau-Reaktoren innert 1-2 Jahren, ohne dass dies Probleme gibt.
Jeder Schweizer Durchschnittshaushalt kann sofort, innert eines Jahres, 15 Prozent elektrische Energie sparen: einfach mit Abschalten aller unbenützten Geräte, mit Stromsparlampen statt Glühbirnen.
Jede Schweizer Firma hat ein ähnliches Sparpotenzial.
Dies genügt, um die drei ältesten Atomreaktoren auszuschalten – und es ist rentabel.

Elektroheizungen müssen verboten und ersetzt werden. Innert 15-20 Jahren wechseln wir ja alle elektrischen Geräte aus. Wer sie durch stromsparende ersetzt, spart über einen Drittel Energie. Und damit praktisch Gösgen und Leibstadt.
Deutlich mehr als dieses berühmte Drittel Stromsparen ist möglich, wenn wir noch auf den technischen Fortschritt oder auf Verhaltensänderungen zählen.
Aber es braucht Förderprogramme fürs Stromsparen, und da ist der Kanton Freiburg böse im Hintertreffen.
Auch im zukünftigen Energiefonds sind dafür viel zu wenig Massnahmen geplant.

Dann gibt es ja noch erneuerbare Energien: Sie decken den steigenden Verbrauch: Bevölkerungswachstum, die moderne Bahn, Elektroautos und Wärmepumpen.
Diesen Strom besorgt uns am besten die Sonne. Photovoltaik wird konkurrenzfähig, wenn wir die Gelder nicht mehr in die Nuklear- sondern die Solarforschung stecken, und diese Technologie endlich entschieden fördern: Deutschland und Oesterrreich zeigen, wie es geht.

Wir brauchen den gesamten Mix der Energiequellen, wie optimierte Wasserkraftwerke, Biomasse und auch Windkraft aus guten Lagen, damit der Atomausstieg auch klimafreundlich geschieht.
Wir brauchen auch unterirdische Leitungen statt neue Hochspannungsmasten.

Es ist aber unnötig,
für Wind und neue Wasserkraftwerke unsere schönsten Landschaften zu opfern

Es ist unnötig, jetzt die Gaskraftwerkprojekte voranzutreiben:
es gibt genug andere, bessere Mittel.

Und es funktioniert: Im Kanton Basel-Stadt sinkt der Stromverbrauch, während die Wirtschaft floriert.
Ein Kanton ohne Atomstrom, mit einer intelligenten Energiepolitik.

Basel hatte vor in den achtziger Jahren das Projekt AKW Kaiseraugst vor Augen, und hat gehandelt.

Wir haben das AKW Mühleberg vor Augen, also handeln wir. Jetzt.

Christa Mutter, Grossrätin Grüne, eine von 109 Beschwerdeführerinnen gegen die Verlängerung der Betriebsbewilligung für das AKW Mühleberg.

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